Duzen oder siezen wir die KI? Studie zur Höflichkeit aus 10.000 Konversationen
Als OpenAI-Chef Sam Altman im April 2025 auf X gefragt wurde, wie viel es das Unternehmen kostet, dass Menschen der künstlichen Intelligenz „bitte” und „danke” schreiben, antwortete er: zig Millionen Dollar – und das sei gut angelegtes Geld. Bislang hat aber niemand wirklich gemessen, wer eigentlich höflich zur KI ist. Und vor allem: In Europa, wo im Unterschied zum Englischen die meisten Sprachen zwischen Du und Sie unterscheiden, stellt sich eine Frage, die sich die englischsprachige Welt gar nicht stellen kann – siezen wir die künstliche Intelligenz?
Wir betreiben unseren AI Chat in 22 europäischen Sprachen und daneben eine Alternative unter dem Namen chat GPT kostenlos und ohne Registrierung. Und genau aus den Daten dieser kostenlosen Version haben wir anonym 10.000 Konversationen aus dem Juli analysiert und gemessen, wie sich Europäer der künstlichen Intelligenz gegenüber tatsächlich verhalten. Ob sie sie grüßen, ihr danken, sie um etwas bitten, sich verabschieden – und ob sie sie duzen oder siezen.
Zum Datenschutz gleich vorweg: Wir haben ausschließlich mit aggregierten, anonymisierten Daten gearbeitet – ohne IP-Adressen und ohne Veröffentlichung des Inhalts einer einzigen Konversation. Daten zahlender Kunden fließen nie in unsere Studien ein. Details finden Sie in der Methodik am Ende des Artikels.
Die wichtigsten Erkenntnisse auf einen Blick
In Konversationen, in denen Nutzer die KI direkt ansprechen, duzen sie 92 %. Nur 6 % siezen sie — am häufigsten die Litauer.
29 % der tschechischen Konversationen enthalten eine Höflichkeitsfloskel — mehr als in jeder anderen Sprache. Und die Tschechen bedanken sich auch am häufigsten.
Nur 0,8 % der Konversationen enthalten eine Verabschiedung. Menschen grüßen, bedanken sich — und schließen dann einfach das Fenster.
Deutsche bitten, Tschechen bedanken sich, Spanischsprachige grüßen. Höflichkeit gegenüber der KI ist keine einheitliche Sache — jede Sprache hat ihr eigenes Ritual.
Insgesamt enthalten 21 % aller Konversationen mindestens eine Höflichkeitsfloskel (Begrüßung, Dank oder Bitte) – etwa jede fünfte Person schreibt der KI mindestens eine davon.
Rangliste der Höflichkeitsfloskeln: Wo am meisten „bitte” und „danke” geschrieben wird
Für jede Sprache haben wir den Anteil der Konversationen mit mindestens einer Höflichkeitsfloskel gemessen. In die Ranglisten fließen nur Sprachen mit ausreichender Stichprobe ein (50 oder mehr Konversationen).
Tschechisch liegt mit deutlichem Abstand vorn — aufschlussreich ist auch der Vergleich mit dem Slowakischen (15,9 %): Zwischen zwei der einander sprachlich am nächsten stehenden Sprachen Europas liegt fast der doppelte Unterschied. Am Ende der Liste stehen Griechen und Niederländer, die mit der KI am sachlichsten umgehen.
Höflichkeit ist aber keine einheitliche Eigenschaft. Zerlegt man sie in einzelne Ausdrucksformen, zeigt sich, dass jede Nation auf ihre eigene Art höflich ist — und gerade die Form dieser Profile ist das Interessanteste daran:
Tschechisch ist die einzige Sprache, die in allen drei Ausdrucksformen gleichmäßig stark ist. Deutsch und Englisch stützen sich fast ausschließlich auf „bitte”, Spanisch auf die Begrüßung, Französisch grüßt und dankt, bittet aber nicht. Die detaillierte Rangfolge aller zwanzig Sprachen finden Sie in den folgenden Kapiteln.
Wer die KI grüßt
Am häufigsten grüßen spanischsprachige Nutzer — „hola” eröffnet jede siebte Konversation. Das Profil des Spanischen ist aber eigentümlich: Bei Begrüßungen führt es, doch beim Danken (3,9 %) und Bitten (3,8 %) gehört es zu den schwächsten. Grüßen ja, danach aber nur noch sachlich.
Wer sich bei der KI bedankt
Tschechen bedanken sich am häufigsten in Europa — fast jede siebte tschechische Konversation enthält „danke” oder „danke schön”. Die Polen dagegen, die überdurchschnittlich oft grüßen, bedanken sich von allen am seltensten (2,5 %).
Wer die KI um etwas bittet
Beim Bitten liegen Deutsche und englischsprachige Nutzer vorn — bei Deutsch mit der Einschränkung, dass „bitte” mehrdeutig ist und die Metrik es leicht überbewerten kann. Italiener bitten praktisch überhaupt nicht (1,1 %): Auf Italienisch befiehlt man der KI.
Und wer verabschiedet sich? Fast niemand
Eine Verabschiedung fanden wir in gerade einmal 0,8 % der Konversationen — in acht von zwanzig Sprachen nicht ein einziges Mal. Menschen grüßen die KI, bitten sie, bedanken sich … und schließen dann einfach das Fenster. Einen Teil der Erklärung liefert die Oberfläche selbst: Der Chat hat kein natürliches Signal für das Ende einer Konversation — das Schließen des Fensters ist bereits der Abschluss. Auffällig bleibt trotzdem, dass sich von allen Höflichkeitsritualen ausgerechnet das eine nicht in die Kommunikation mit der KI übertragen hat, das keine praktische Funktion erfüllt.
Je länger wir sprechen, desto höflicher sind wir
Höflichkeit ist nicht nur eine Eigenschaft der Sprache — sie verändert sich auch mit dem Verlauf der Konversation. Wir haben Konversationen in einmalige Anweisungen (eine Nachricht) und längere Gespräche (zwei und mehr Nachrichten) unterteilt: Bei den einmaligen enthalten 17,4 % der Konversationen eine Höflichkeitsfloskel, bei den längeren 24,9 %. Das Muster gilt in 16 von 20 Sprachen.
Ein Teil des Effekts ist rein mechanisch — mehr Nachrichten bedeuten mehr Gelegenheiten, sich zu bedanken. Doch selbst wenn man die Höflichkeit auf die einzelne Nachricht umrechnet, sinkt sie in längeren Konversationen nicht — und die Rangfolge der Sprachen ändert sich praktisch nicht (siehe Methodik). Interessant ist vor allem eine Ausnahme: Englisch ist die einzige große Sprache, in der sich die Höflichkeit mit der Länge der Konversation überhaupt nicht verändert (23,3 % gegenüber 24,0 %). Beim Tschechischen hingegen steigert ein längeres Gespräch die Höflichkeit von 20 auf 35 % — als würde man im Laufe der Konversation eine Art Beziehung zur KI aufbauen.
Duzen oder siezen wir die künstliche Intelligenz?
Das ist eine Frage, die sich das Englische gar nicht stellen kann — „you” gibt es nur in einer Form. Tschechisch, Deutsch, Französisch, Spanisch und die meisten europäischen Sprachen zwingen jeden Nutzer aber zu einer Entscheidung: Du oder Sie?
Zunächst ein wichtiger Kontext: Die meisten Menschen sprechen die KI überhaupt nicht direkt an. Rund drei Viertel der nicht-englischen Konversationen bestehen aus reinen Anweisungen und Stichworten („Rezept für Pfannkuchen”, eingefügter Text zur Übersetzung) — darin kommt weder Du noch Sie vor. Für die meisten Menschen ist künstliche Intelligenz nach wie vor eher eine Suchmaschine als ein Gegenüber. Die folgenden Zahlen beziehen sich deshalb nur auf Konversationen, in denen der Nutzer die KI tatsächlich direkt anspricht — die genauen Fallzahlen finden Sie in der Methodik.
Europa duzt die künstliche Intelligenz. Im Deutschen, Slowakischen, Polnischen und Schwedischen fanden wir keinen einzigen Fall von Siezen. Tschechen siezen in 5 % der Fälle — sie bedanken sich zwar am häufigsten in Europa, aber ein „Sie” verdient sich die KI bei ihnen nicht.
Litauer — die Einzigen, die die KI siezen
Die Ausnahme ist so ausgeprägt, dass wir sie einem gesonderten Audit unterzogen haben: Litauer siezen die künstliche Intelligenz in 43 % der Fälle — viermal mehr als das zweitplatzierte Griechisch. Die manuelle Prüfung aller litauischen Konversationen bestätigte, dass es sich nicht um einen Messfehler handelt: Litauische Nutzer klären mit der KI typischerweise amtliche und berufliche Texte und halten dabei ein formelles Register ein — höfliche Verbformen wie „pataisykite” (korrigieren Sie) oder „parašykite” (schreiben Sie) richten sich direkt an den Assistenten.
Bonus: Wer sich über die KI ärgert und wer sie nur testet
Bei der Analyse haben wir außerdem drei weitere Verhaltensweisen gemessen:
Frustration („das stimmt nicht”, „du verstehst mich nicht”) tritt in 3,1 % der Konversationen auf — und am häufigsten ärgern sich Slawen über die KI.
Die ersten vier Plätze belegen slawische und baltische Sprachen. Am gelassensten sind die Griechen (0,4 %) — die zugleich am wenigsten höflich sind. Sie kommunizieren mit der KI schlicht überhaupt nicht emotional, weder im Guten noch im Schlechten.
Testanfragen (triviale Fragen wie „was ist 2 + 2”, Ausprobieren, was die KI kann) machen 5,4 % der Konversationen aus.
Am meisten getestet wird auf Englisch (8,2 %) — globale Vorbeischauer tasten die KI vor allem einmal ab. Tschechisch (2,9 %) oder Litauisch (2,2 %) hingegen arbeiten tatsächlich mit ihr.
Der Umgang mit der KI wie mit einer Person — das Erfragen ihrer Meinungen, Gefühle oder Identität („was denkst du darüber?”, „bist du ein Mensch?”) — ist nach strenger doppelter Bewertung selten: nur 0,8 % der Konversationen. Die Unterschiede zwischen den Sprachen sind so gering, dass sie reiner Zufall sein könnten, deshalb veröffentlichen wir dazu keine Rangliste. Das Audit deckte aber ein Phänomen auf, mit dem wir nicht gerechnet hatten: Rollenspiel-Sitzungen. Manche Nutzer lassen die KI fiktive Figuren spielen und sprechen dann zu der Figur, nicht zum Assistenten — der AI Chat ist für sie kein Werkzeug, sondern eine Bühne. Wie häufig das vorkommt, messen wir in der nächsten Studie.
Wie wir gemessen haben
- Stichprobe: 10.000 anonymisierte Datensätze aus der kostenlosen chat GPT-Alternative von GuideGlare (Version ohne Registrierung), 23.06.–24.07.2026, 22 Sprachversionen; nach Entfernung von 6 technischen Duplikaten (dieselbe Konversation zweimal gespeichert) arbeiten wir mit 9.994 Konversationen. In die Ranglisten fließen Sprachen mit mindestens 50 Konversationen ein (Dänisch und Finnisch fielen heraus). Die Stichprobengrößen reichen von 53 Konversationen (Slowenisch) bis 2.775 (Englisch); die vollständigen Zahlen nach Sprachen finden Sie in den herunterladbaren Daten. Die Metrik zum Duzen/Siezen basiert auf 1.873 Konversationen mit eindeutig bestimmbarer Anrede (davon 54 auf Litauisch); in die zugehörige Rangliste fließen Sprachen mit mindestens 20 entschiedenen Fällen ein.
- Höflichkeitsfloskeln messen wir mit Wörterbüchern, die für jede Sprache einzeln erstellt wurden — einschließlich umgangssprachlicher Varianten, Internet-Abkürzungen (thx, pls) und Toleranz gegenüber Tippfehlern bei diakritischen Zeichen.
- Duzen/Siezen klassifizierte ein Sprachmodell, und alle gefundenen Fälle wurden anschließend von einem stärkeren Modell mit sprachspezifischen Regeln überprüft (Verbmorphologie, Unterscheidung zwischen Anrede der KI und Anrede innerhalb eingefügter Texte). Beide auffälligen Ergebnisse (litauisches Siezen, französische Anomalie bei der Anthropomorphisierung) durchliefen zusätzlich ein gezieltes manuelles Audit — eines bestätigte sich, das andere haben wir als Artefakt verworfen.
- Statistik: Alle Prozentangaben sind Anteile innerhalb der jeweiligen Sprache; für die zentralen Werte berechnen wir Wilson-95-%-Konfidenzintervalle (im Text als ± Prozentpunkte angegeben) und veröffentlichen Ranglisten nur dort, wo die Unterschiede den statistischen Fehler übersteigen.
- Robustheit: Eine Kontrollrechnung der Metriken auf einzelne Nachrichten (statt ganzer Konversationen) verändert die Rangfolge um höchstens 1–3 Plätze und lässt die Spitzenwerte unverändert — längere Konversationen verzerren die Ranglisten also nicht mechanisch. Im Vergleich nach Konversationslänge berücksichtigen wir nur Sprachen mit mindestens 50 Konversationen in beiden Gruppen.
- Datenschutz: Wir haben ausschließlich mit Aggregaten gearbeitet — ohne IP-Adressen, ohne Identifizierung von Nutzern, ohne Veröffentlichung von Konversationsinhalten. Daten zahlender Kunden fließen nie in unsere Studien ein.
- Grenzen: Die Stichprobe besteht aus Nutzern eines einzigen kostenlosen Tools — die Zahlen beschreiben das Verhalten auf unserem Chat, nicht die Bevölkerung eines ganzen Landes. Es handelt sich um eine Momentaufnahme eines Monats; eine Wiederholung der Studie wird den Trend zeigen.
- Daten zum Download und Zitieren: Die vollständigen aggregierten Daten (22 Sprachen × alle Metriken × Stichprobengrößen × Konfidenzintervalle) können Sie als CSV herunterladen. Zahlen und Grafiken dürfen Sie frei in Artikeln, Blogs und Präsentationen verwenden — geben Sie einfach „Quelle: GuideGlare” mit einem aktiven Link auf diese Seite an, Details in den Zitierhinweisen. Grafiken in Druckqualität senden wir Ihnen gerne zu — schreiben Sie an info@explicaire.com.
Probieren Sie es selbst aus
Die Daten für diese Studie stammen vom AI Chat GuideGlare — er funktioniert in allen 22 Sprachen dieser Studie, und Sie können ihn als chat GPT kostenlos ohne Registrierung ausprobieren. Ob Sie ihn duzen oder siezen, überlassen wir Ihnen. Die Statistik führen wir aber weiter — schauen Sie in einem halben Jahr wieder vorbei, ob Europa der KI gegenüber nicht höflicher geworden ist.
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